Geschichte: Korntal Münchingen

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Geschichte

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Heimat gesucht

Im Jahr 1817 wandte sich Gottlieb Wilhelm Hoffmann (1771 bis 1846), kaiserlicher Notar und Verantwortlicher für die Gemeinden des großen Amtes Leonberg, an König Wilhelm I. und bat um Erlaubnis, die Gründung religiös selbstständiger Gemeinden im Königreich Württemberg zu gestatten - dies war bis dahin verboten gewesen. Nach insgesamt 17 Eingaben sicherte der König durch Erlass vom 1. Oktober 1818 ein Privilegium für eine religiös-politische Gemeinde zu, welches er dann am 22. August 1819 erteilte. Diese Zusage erlaubte es Hoffmann, am 12. Januar 1819 vom Grafen von Görlitz und dem Freiherrn von Münchingen das »allodiale Rittergut Korntal« für 113.700 Gulden zu erwerben. Dieses 1297 erstmals erwähnte Hofgut umfasste »eine eigens eingesteinte Markung von nicht ganz 1.000 Morgen (ca. 310 Hektar) Feld und Wald nebst einem Schlößchen und Meiereihaus und einigen wenigen Ökonomiegebäuden«. (Roth, Walter: »Die Evangelische Brüdergemeinde Korntal – ein Gemeindemodell des Pietismus in Württemberg«, Neuhausen-Stuttgart 1994, S. 27).

Die »Privilegierte Brüdergemeinde Korntal« entsteht

Die ersten Siedler der neuen bürgerlich-religiösen Gemeinde Korntal, die sich bis zur neuen Reichsgesetzgebung 1919 »Privilegierte Brüdergemeinde Korntal« nannte, gründeten am 17.Februar 1819 die »Güterkaufgesellschaft« (GKG), um die Gemarkung Korntal kaufen und an die Siedler verteilen zu können. Die GKG besteht noch heute.

Rund um den Siedlungsmittelpunkt der frisch gegründeten Gemeinde, den Schlossplatz (heute Saalplatz), entstanden bald wichtige Gebäude: das Große Gemeindegasthaus (das heutige Landschloss) und das Kirchengebäude mit Betsaal, der noch heute als Großer Saal das gottesdienstliche Zentrum der Evangelischen Brüdergemeinde ist. Da das königliche Privileg den Siedlern gestattete, »durch zünftige Gewerbe, Handlung und Krämerei ihre Nahrung zu gewinnen, ohne an die Zunftordnung gebunden zu sein«, waren bald auch die wichtigsten Handwerker im Ort vertreten.

Die Schulstadt wächst heran

Korntal, zunächst als Acker- und Weinbaugemeinde geplant, entwickelte sich bald mehr und mehr zu einer »Schulstadt« und einem Anstaltsort. Neben der Gemeindevolksschule entstand bereits im Gründungsjahr 1819 ein Knabeninstitut und 1821 ein Töchterinstitut;  die Knabenlateinschule (heute Musikschule und Volkshochschule) wurde am 11. November 1892 eingeweiht. Zum Erziehungswesen der jungen Brüdergemeinde Korntal gehörten auch die Anstalten für verwahrloste Waisenkinder, die infolge der Napoleonischen Kriege und der Hungerjahre 1817/18 bettelnd und stehlend umherzogen: 1823 entstand die »Kinderrettungsanstalt Korntal«, das Große Kinderheim (heute: Hoffmannhaus Korntal), dem 1829 ein Kleinkinderheim auf der Schlotwiese folgte (heute: Flattichhaus in Korntal). Frühzeitig trug die junge Brüdergemeinde Korntal auch dem Bedürfnis Rechnung, die Kinder während der Arbeit ihrer Mütter zu betreuen und sie kindgemäß in einer kleinen Gruppe zu fördern. Mit der Einrichtung eines Kindergartens (»Kinderpflege«) 1857 war Korntal Vorreiter in Württemberg. Auch für ältere Menschen wurde im neu gegründeten Gemeinwesen gesorgt: 1831 baute man ein »Witwenhaus«, später kamen Altenhilfeeinrichtungen dazu, die, im Gegensatz zum Witwenhaus, heute noch existieren.

Trennung von politischer und religiöser Gemeinde

Mit Inkrafttreten der Württembergischen Verfassung vom 20. Mai 1919 wurde schließlich die Trennung von bürgerlich-politischer Gemeinde und religiöser Gemeinde vollzogen. Rechtsnachfolger der seitherigen »Verbundgemeinde« waren die politische Gemeinde Korntal und die kirchliche Brüdergemeinde Korntal; erstere als Gebietskörperschaft öffentlichen Rechts, letztere als Religionskörperschaft auf mitgliedschaftlicher Basis.

Korntal entwickelte noch vor dem Ersten Weltkrieg eine verstärkte Anziehungskraft als attraktiver Wohnort am Rande der Großstadt Stuttgart jenseits aller religiösen Motive. Die Bebauung der Alten und Neuen Halde mit repräsentativen Villen setzte ein. Die Zahl der Einwohner, die nicht der Brüdergemeinde angehörten, stieg an. Dieser Prozess setzte sich nach der staatlichen Umwälzung von 1919 weiter fort. Die bürgerliche Gemeinde Korntal hatte einen schweren Start, denn sie verfügte bei ihrer Gründung nicht, wie andere Gemeinden, über eigenes Vermögen, eigenen Grundbesitz und nur über unzureichende Steuerquellen. Die 1919 vollzogene Trennung von politischer und religiöser Gemeinde machte eine juristisch diffizile »Vermögensauseinandersetzung« erforderlich, die die Kommunalpolitik noch bis in die 1960er Jahre hinein beschäftigte.

An dem dominierenden Einfluss der Brüdergemeinde auf das lokale Geschehen auch im nichtkirchlichen Bereich änderte sich nach 1919 allerdings nichts. An der Verwaltungsspitze stand seit 1922 mit Schultheiß, später Bürgermeister, Georg Würth, ebenfalls ein Mann der Brüdergemeinde, der zuvor als Sekretär an der Seite von Johannes Daur jun. gewirkt hatte. Würth amtierte bis zu seinem von den Nationalsozialisten erzwungenen Rücktritt im Jahre 1935.

Korntal zwischen 1933 und 1945

Der Weimarer Republik weinten 1933 viele Korntaler keine Träne nach. In einer fatalen Fehleinschätzung der Situation sah man verbreitet, und bis in die Gemeindeleitung hinein, in Hitler denjenigen, der an der Seite des nationalen »Übervaters« Hindenburg Deutschlands Ehre wiederherstellt, dem drohenden Bolschewismus Einhalt gebietet und der Zersetzung von Moral und Religion als Verfechter eines »positiven Christentums« ein Ende bereitet. Der von dem seit 1926 in Korntal ansässigen Ministerpräsidenten und Kultminister Christian Mergenthaler betriebene Griff des NS-Staates nach den Schulen und Heimen der Brüdergemeinde, die 1937 in die Hand der politischen Gemeinde überführt wurden, um sie »auf Linie zu bringen«, zeigte deutlich, was man von dem vermeintlich christlichen Charakter des NS-Staates zu halten hatte. 1936 trat der NS-Parteimann Walter Dollmann an die Stelle des zum Amtsverzicht genötigten Georg Würth als Bürgermeister. Damit stand erstmals ein Nicht-Brüdergemeindemitglied an der Spitze der Kommune. Beschlüsse fasste der Bürgermeister im Einvernehmen mit der Parteileitung, dem Gemeinderat wurden sie lediglich zur Kenntnis gegeben. Im Zweiten Weltkrieg ließen 329 Korntaler Soldaten ihr Leben, 28 Zivilopfer waren zu beklagen, elf Personen wurden Opfer politischer bzw. rassischer Verfolgung und dem NS-Patientenmord an psychisch Kranken. Der Schrecken endete erst mit dem Einmarsch der französischen Truppen am 21. April 1945. 

Korntal nach 1945

Für die kommunalpolitische Entwicklung Korntals waren nach dem 2.Weltkrieg zwei Faktoren wesentlich. Zum einen stiegen die Einwohnerzahlen sprunghaft an: Zählte Korntal im Jahr 1939 noch 3.913 Einwohner, waren es 1946 bereits 5.717, Mitte der Fünfzigerjahre dann über 8.000. Dieser rasante Bevölkerungszuwachs erforderte enorme Anstrengungen nicht nur für den Wohnungsbau, sondern auch im Bereich der gesamten öffentlichen Einrichtungen. Der zweite maßgebliche Faktor für die kommunalpolitische Entwicklung Korntals bestand in der strukturellen Eigenart des Ortes, der über keine größere Industrieansiedlung verfügte. Das Gewerbesteueraufkommen bot keinen großen finanziellen Rückhalt, so dass Korntal in den ersten Jahren die dringendsten öffentlichen Aufgaben nur mit staatlicher Unterstützung durchführen konnte. Nichtsdestotrotz erfuhr der Ort ab Mitte der Fünfzigerjahre grundlegende städtebauliche Veränderungen: Das heutige Rathaus, das Gymnasium, das Teichwiesengelände und die Stadthalle entstanden. Schließlich wurde Korntal 1958 durch die Landesregierung zur Stadt erhoben.

Die Stadt Korntal-Münchingen

Eine große Herausforderung für die Kommune war in den Siebzigerjahren die Zusammenlegung von Korntal und Münchingen, die am 1.Januar 1975 umgesetzt wurde. Der baden-württembergische Landtag hatte zuvor am 4.Juli 1974 das »Gesetz zur Neuordnung der Städte und Gemeinden« verabschiedet, das am 1.Januar 1975 in Kraft trat. Für Münchingen war zunächst ein Zusammengehen mit Hemmingen und Schwieberdingen eine Option, die jedoch letztlich nicht in Frage kam, u.a. weil dies zur Folge gehabt hätte, dass Kallenberg mit Sicherheit an Stuttgart gefallen wäre. Als Alternative wählte man schließlich die Fusion mit Korntal, wobei der Gesetzgeber im Doppelnamen »Korntal-Münchingen« des neuen Gemeinwesens zum Ausdruck brachte, dass es sich um den Zusammenschluss zweier gleichberechtigter Gemeinden handelt und keine Eingemeindung Münchingens. Korntal-Münchingen zählt heute knapp 20.000 Einwohner in drei Stadttteilen: Korntal, Münchingen und Kallenberg.